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Dreißig Musiker sprechen den Text: »Gott, hör mein Flehen. Herr, kämpfe Du für mich.«
Mit einer kleinen Pause nach dem ersten Satz. Nach dreimaliger Wiederholung nickt Dirigent Florian Grieshammer
(29) zufrieden. »Haben Sie jetzt ein Gefühl dafür? So wie Sie das mit einer Pause gesprochen haben,
so spielen Sie das bitte auch.«
Das Collegium musicum, eine der ältesten Einrichtungen des Bildungszentrums (BZ) Nürnberg, probt im Kulturtreff
Bleiweiß ein Weihnachtskonzert von Felix Mendelssohn Bartholdy und Charles Camille Saint-Saëns. Die
Gemeinschaft aus erfahrenen Hobbymusikern bereichert seit Jahrzehnten Nürnberg und sein Umland musikalisch.
Zum Repertoire gehören mittelschwere sinfonische und konzertante Werke vom Barock bis zur Moderne. Das Orchester
ist dem BZ-Fachbereich »Kulturgeschichte« unter der Leitung von Klaus Dornisch zugeordnet.
Einst von Robert Seiler, dem damaligen Direktor des Städtischen Konservatoriums 1949 gegründet (heute
staatliche Musikschule Nürnberg-Augsburg), existiert das Laienorchester inzwischen unter der Regie der vierten
Dirigenten-Generation. Etliche aus Seilers Zeit stammende Mitglieder – er starb im Dezember 2000 – spielen noch
heute mit.
Proben bei offener Tür
Mit am längsten dabei – seit über 35 Jahren – ist die ehemalige Beamtin Luise Kauschinger. Sie und Erika
Nüchterlein waren als Geigerinnen Gastschülerinnen im Nürnberger Konservatorium und bekamen Privatunterricht
bei Seby Horvath, dem Vater von Willi Horvath, Gründer des gleichnamigen bekannten Streichquartetts. Der frühere
Postbeamte Hans Friedrich, ein Musiker mit Leib und Seele, stieg als Geiger ein, wechselte dann später zur
Bratsche. Hedwig Mulzer, Frau des kürzlich verstorbenen Altstadtfreunde-Chefs Erich Mulzer, hat im Collegium
Geige und Cello spielen gelernt. »Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich mit umgehängter Geige,
das Cello unter einem Arm, im anderen Arm die Büchertasche, zur Schule gerannt bin«, erzählt die
Studienrätin im Ruhestand.
Das Orchester probt heute bei offener Saaltür. Weil auch die Eingangstür zum Kulturtreff Bleiweiß
offen steht, sind die Klänge selbst draußen auf dem Vorplatz zu hören. Einige Radler und Passanten
bleiben kurz stehen und lauschen. Ärzte, Lehrer, Pfarrer, Psychologen, Korrespondentinnen und Computer-Experten
musizieren mit »großer Freude« im Laienorchester. Für viele im Alter zwischen 20 und 80
Jahren ist die Musik das schönste am Leben.
Einige kamen erst als frisch gebackene Rentner hinzu, wie der Fagottist Ottmar Sachs, der das Spielen auf dem Instrument
erst im Ruhestand lernte. Johanna Zerer, seit 25 Jahren Konzertmeisterin im Ensemble, war 1978 von Passau nach
Nürnberg umgesiedelt, wo sie Sozialpädagogik studierte. Sie kannte keinen Menschen, als sie in Franken
ankam. »Für mich war deshalb das Mitspielen im Orchester die ideale Möglichkeit, neue Kontakte
in einer fremden Stadt zu knüpfen«, berichtet sie.
Im Kulturtreff Bleiweiß probt das Orchester jeweils mittwochs, allerdings nicht in den Ferien. Außerdem
trifft sich das Orchester zu Übungszwecken an zwei Wochenenden im Jahr auswärts – im Sommer am Schwanberg
bei Iphofen und im Winter in Bad Wildbad bei Rothenburg ob der Tauber. Darüber hinaus lädt das Collegium
musicum zum »Gesprächskonzert« ein; vor der Aufführung des neuen Werks im Kulturtreff führt
Dirigent Florian Grieshammer die Zuhörer eine Viertelstunde lang in die Komposition ein.
Nach dem Tod des Gründers Robert Seiler kriselte es einige Zeit unter den Musikern. Etliche sprangen ab. Doch
eine neue Werbeaktion brachte enormen Zulauf, es formierte sich ein »eigenständiger Haufen«, wie
manche das Collegium musicum bezeichnen. »Grabenkämpfe«, wie bei größeren Orchestern
durchaus üblich, seien hier wenig bekannt, meint der Dirigent. Das Verhältnis zu den Ehemaligen könne
nicht besser sein, frühere Mitspieler besuchten immer wieder die konzertanten Aufführungen. Auch untereinander
treffen sich inzwischen kleine Gruppen von Instrumentalisten, um gemeinsam Kammermusik zu machen.
Spagat zwischen Klassik und Moderne
Es regte sich jedoch mancher Widerstand, als Grieshammer mit jugendlichem Ungestüm das Orchester anfangs überforderte.
Der junge Dirigent, der den Chefposten im Herbst 2002 von Vorgänger Josef Laußer übernahm, will
das musikalische Spektrum breit halten, klassische Werke ebenso zur Aufführung bringen wie moderne Kompositionen,
etwa von Paul Hindemith oder dem Amerikaner Charles Ives. Der 29-Jährige: »Ich gebe zu, am Anfang war
ich etwas zu streng, habe zuviel auf einmal verlangt. Doch mittlerweile sind wir gut aufeinander eingespielt.«
Musik verbindet die Menschen. Als das Collegium musicum in der Adventszeit im Wichernhaus in Rummelsberg spielte,
hörten Patienten im Krankenbett und Behinderte im Rollstuhl zu. »Das war für mich ein sehr bewegendes
Erlebnis«, berichtet Luise Kauschinger. Besonders in Erinnerung geblieben ist vielen auch die Aufführung
der Beethoven-Ouvertüre »Egmont« in der Kleinen Meistersingerhalle in Nürnberg. Als der bekannte
Cellist Georgiy Lomakov aus der Ukraine in den 90er Jahren gemeinsam mit dem Collegium musicum auftrat – es war
sein erstes Konzert in Nürnberg – schrieb der junge Künstler anschließend in einem Brief an seine
Eltern: »Ich habe mit lauter alten Leuten gespielt.« Lomakov war damals zwölf.
Horst Mayer
Information
Sein Weihnachtskonzert 2005 spielt das Collegium musicum gemeinsam mit mehreren Chören erstmals am
4. Dezember, um 17 Uhr,
in der Albertus-Magnus-Kirche in Stein.
Weitere Aufführungen folgen am:
10. Dezember, 19.30 Uhr,
in der Dreieinigkeitskirche in Nürnberg-Gostenhof,
11. Dezember, um 17 Uhr,
in St. Konrad in Nürnberg-Schniegling.
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